ADHS verstehen heißt Perspektiven verändern

Ein spannender, lehrreicher und gewinnbringender Vortrag von Corina Elfe

ADHS verstehen heißt Perspektiven verändern

Ein spannender, lehrreicher und gewinnbringender Vortrag von Corina Elfe

In der „Präsenzwoche“, traditionell der sechsten Ferienwoche, beginnen die Lehrkräfte an unserer Schule schon mit den Vorbereitungen für das neue Schuljahr und nutzen die Zeit für Fortbildungen. In diesem Jahr gab Corina Elfe, Autorin des Buches „Kinder, die durchs Raster fallen“, einen anschaulichen und zugleich sehr praxisnahen Einblick in das Thema ADHS und Neurodivergenz. Im Mittelpunkt stand dabei weniger die Frage „Was stimmt mit diesem Kind nicht?“, sondern vielmehr: „Was braucht dieses Kind, damit Lernen und Schule gelingen können?“

ADHS wird häufig vor allem mit Hyperaktivität und mangelnder Konzentration verbunden. Im Vortrag wurde jedoch deutlich: Eine zentrale Herausforderung bei ADHS liegt in der Selbstregulation. Betroffen sein können unter anderem Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Emotionen, Motivation, Zeitgefühl sowie Planung und Organisation. Genau diese sogenannten exekutiven Funktionen werden im Schulalltag ständig benötigt: Aufgaben beginnen, Materialien bereitlegen, mehrere Arbeitsschritte im Blick behalten, Zeit einschätzen, Übergänge bewältigen, Frustration aushalten oder eine Aufgabe zu Ende bringen. Damit wird verständlich, warum ein Kind durchaus wissen kann, wie eine Aufgabe funktioniert – und sie trotzdem nicht beginnen oder zuverlässig zu Ende bringen kann.

Ein besonders eindrücklicher Gedanke des Vortrags war deshalb: Nicht immer fehlt der Wille. Manchmal fehlt in diesem Moment der Zugriff auf die Fähigkeit. Das verändert den Blick auf Verhalten. Aus „Das Kind könnte es doch, wenn es nur wollte“ wird die Frage: „Was verhindert gerade, dass es auf seine Fähigkeiten zugreifen kann?“
Gerade Kinder mit ADHS erleben häufig: An manchen Tagen gelingt etwas problemlos, an anderen scheint genau dasselbe völlig unmöglich. Das kann für Außenstehende widersprüchlich wirken – und für die Kinder selbst sehr frustrierend sein. Stress, Überforderung, Unsicherheit oder Scham können die Selbststeuerung zusätzlich erschweren. Je höher der innere Druck, desto weniger gelingt es, ruhig zu planen, Impulse zu kontrollieren oder die Aufmerksamkeit gezielt zu lenken.

Besonders praxisorientiert war der zweite Teil des Vortrags: das NAWI-Prinzip für neurodivergente Gehirne. Dabei geht es darum, Lernen stärker über Faktoren zu unterstützen, die Aufmerksamkeit und Motivation fördern können: N wie Neuheit/Neuartigkeit (z. B. ein neues Aufgabenformat), A wie Anreiz/Abwechslung, W wie Wichtigkeit und Wettbewerb (auch gegen die Uhr oder gegen sich selbst), I wie Intensität, Interaktion und vor allem Interesse.

Vieles davon gehört für uns schon selbstverständlich zum Schulalltag, doch wir erhielten noch viele zusätzliche Ideen, beispielsweise dazu, wie sensorische Spielzeuge für neurodivergente Kinder eine Unterstützung bei der Selbstregulation sein können.

Der Vortrag von Corina Elfe hat uns deshalb nicht nur Wissen über ADHS vermittelt, sondern vor allem zu einem Perspektivwechsel eingeladen.

 

Fotos: IEL